#DigitaleKirche ist mehr als ein Hashtag

Rückblick und Bestandsaufnahme

Bei der Einfahrt in einen Ort geben Straßenschilder erste Informationen, über den Ortsnamen, über besondere Geschwindigkeitsbegrenzungen, häufig auch über Gottesdienstzeiten. Das Schild mit den Gottesdienstzeiten holt mich bei meinen Sehgewohnheiten ab, auch im Vorüberfahren erkenne ich auf dem Schild sofort die Kirche: Sie ist reduziert auf eine einfache Zeichnung, auf ein längliches Gebäude mit seitlichem Turm, der seit dem 6. Jahrhundert für Kirchen üblichen Bauform. Das Symbol ist lila eingefärbt für evangelische Gottesdienste, gelb für katholische Gottesdienste. Weitere Schilder für freikirchliche, jüdische oder muslimische Gemeinden gibt es inzwischen auch.

So klassisch wie auf diesen Piktogrammen ist die Bauweise von Kirchgebäude heute nicht mehr, die Grundstruktur wurde variiert, aber auf dem Piktogramm ebenso wie im Ortsbild bleibt das „Gebäude mit Turm“ weiterhin erkennbar.

Kirche: mehr als ein Gebäude mit Turm
Doch mit Kirche verbindet sich weitaus mehr als „Gebäude mit Turm“ oder Gottesdienstort. Kirche ist in unseren Ordnungen erst einmal eine Institution mit eigener Organisationsform, in Deutschland Körperschaft des öffentlichen Rechts, mit Ämtern, Beauftragungen, Gesetzen. Dann hat Kirche aber vor allem eine geistliche Dimension: Sie ist Gemeinschaft der Gläubigen, die miteinander verbunden und bezogen sind auf Christus. Dafür wird im Neuen Testament immer wieder ein sehr eindrückliches Bild verwendet, das Bild des eines Leibes, durch den Christinnen und Christen über die Zeiten hinweg mit Christus verbunden sind. Der menschliche Körper wird in den neutestamentlichen Texten als Bild für die Gemeinde verwendet, z.B.im Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth: „Ihr seid nun ein Leib von Christus! Jeder Einzelne von euch ist ein Teil davon.“ (1. Korinther, Vers 27).

Gleichzeitig sind die unterschiedlichen Dimensionen von Gemeinschaft und Kirche vielfältig, unterschiedliche Sichtweisen weisen auf Widersprüche auf, Deutungen sind strittig, vieles ist weiterhin in Bewegung.

Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen … analoge Begegnung
Als Gemeinschaft der Gläubigen braucht Kirche kein „Gebäude mit Turm“, sie ist letztlich unabhängig von bestimmten Orten. Im Evangelium nach Matthäus gibt es eine bekannte Stelle, die das deutlich macht: „Denn wo zwei oder drei Menschen in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich selbst in ihrer Mitte.“ (Matthäus 18, 20).
Diese Aussage ist zunächst einmal ein starkes Argument für personale Begegnung unter Christen. Die Weitergabe von Glaubenserfahrungen in der persönlichen Begegnung, und die gemeinsame Spiritualität sind die wesentlichen Konstanten der christlichen Gemeinschaft seit mehr als 2000 Jahren.

… und Praxis im virtuellen Raum seit den Zeiten der ersten Christen
Gleichzeitig bringt dieses Bibelwort zum Ausdruck, dass der Geist Gottes ein konstitutioneller Teil dieser Gemeinschaft von Gläubigen ist und darin wirkt. Beides, die Verbundenheit mit dem dreieinigen Gott ebenso wie mit anderen Gläubigen über Zeit und Raum hinweg, ist bis heute zentrales Element christlichen Glaubens: Im Abendmahl feiern wir die Gemeinschaft untereinander und die geistliche Gegenwart Gottes, im Vater Unser und im Glaubensbekenntnis reihen wir uns ein in die Gemeinschaft aller Christ*innen, die diese Gebete in den Jahrhunderten vor uns oder zu gleicher Zeit an einem anderen Ort sprechen.

Es ist also erst einmal festzuhalten: Christinnen und Christen, die Kirche hat also eine weit in ihre Geschichte zurückreichende und lebendige Praxis virtueller Erfahrungen und Traditionen. Auch die im neuen Testament überlieferten Briefe des Apostels Paulus und anderer Gemeindeleiter gehören dazu. Kirche war somit gut vorbereitet auf den digitalen Raum, doch die Anfänge im Netz waren zaghaft.

1517 – 2017: 500 Jahre nach dem Thesenanschlag von Wittenberg
Würde Luther heute twittern?
Ja, nein, vielleicht?
Der Reformator Martin Luther war dem Buchdruck, der Medienrevolution seiner Zeit, gegenüber sehr aufgeschlossen, mit ihrer Hilfe konnten seine Gedanken große Verbreitung finden. Demgegenüber waren die großen Kirchen der neuen Medienrevolution, dem Internet, und den sich damit eröffnenden neuen potentiellen Formen von Gemeinschaft gegenüber lange Zeit skeptisch.

Der sich seit den 90er Jahren kontinuierlich entwickelnde Einfluss des World Wide Web, der Wandel zu dialogischen Formen des Netzes und die sich allmählich etablierenden Sozialen Netzwerke traten viele Gemeinden, kirchliche Einrichtungen und Christinnen und Christen zunächst verhalten gegenüber. Eher wurden Gefahren wie Datenmissbrauch und Entfremdung gesehen als die Chancen des Netzes und neuer digitaler dialogischer Kommunikationsformen für Christinnen und Christen.

Hannes Leitlein: Und wie wir wandern im finstern Digital
Im März 2017 kritisierte der Journalist Hannes Leitlein in der ZEIT (Ausgabe vom 24. März 2017 ), dass die Kirchen die neue Qualität der Kommunikation im Netz noch nicht begriffen hätten:

„Wo von Digitalisierung die Rede ist, denken selbst progressive Kirchenleute meist nur an die Zahl der Schafe, die sich in der schönen neuen Digitalwelt mit den alten Wahrheiten erreichen lassen: Konnten bisher Tausende mit einer Idee erreicht werden, mit Fernsehen oder Radio vielleicht sogar Millionen, dann überträgt das Internet einen Gedanken live in die ganze Welt, schwärmen sie.“
Dem hielt er entgegen: „Es geht, seit es die Digitalisierung gibt, nicht mehr um Vervielfältigung, es geht um Vielfalt, um Beziehungen und Interaktionen, um Netzwerke und Solidaritäten. Erst durch die Digitalisierung wird ein protestantischer Kerngedanke technisch möglich: das Priestertum aller.“

Die Beobachtung von Hannes Leitlein hat Ingo Dachwitz, Redakteur bei netzpolitik.org und damals Jugenddelegierter der Evangelischen Kirche in Deutschland,  in derselben ZEITausgabe bestärkt:

„Wenn Gemeinden auch in digitalen Lebenswelten anschlussfähig sein wollen, dann funktioniert das nur über Menschen, die in den sozialen Medien authentisch ihr Christsein leben und einladend wirken ….Die Frage ist letztendlich also nicht so sehr, ob wir die sozialen Medien in unsere Gemeinden holen, sondern ob wir die Gemeinde über soziale Beziehungen auch in den sozialen Medien erlebbar machen.“

Mehr Aufmerksamkeit für den digitalen Raum:
Initiativen unter dem Hashtag #digitaleKirche
Mit ihren Beobachtungen haben Hannes Leitlein und Ingo Dachwitz eine Debatte um Präsenz der Kirche im digitalen Raum ausgelöst und Formen der #digitaleKirche mehr in den Fokus gerückt.

Vor allem auf dem Mikrobloggingdienst Twitter bildete sich eine Gemeinschaft von Menschen, die sich für Kirche und Digitalisierung interessieren und sich über den Hashtag #digitaleKirche austauschen. Fachtreffen und Barcamps wurden zu weiteren Austauschforen. Doch viele kirchliche Einrichtungen blieben weiterhin zurückhaltend, neue, digitale Formen von Kommunikation, Verkündigung und Seelsorge in ihr Gemeindeleben und in ihre Angebote aufzunehmen.

In den Landeskirchen gab es allerdings eine Reihe von Initiativen und Projekten: so z.B. eine Roadmap in der Württembergischen Kirche, das Projekt Online-Kirche in der Mitteldeutschen Kirche, das freie WLAN in der Brandenburgischen Kirche, die Sozialraum-Projekte der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau oder interaktive Online-Gottesdienste in der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Bereits 2014 hatte die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland zwar „Die Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ zum Schwerpunktthema gewählt, doch erst 2018 wurde ein konkretes Maßnahmenpaket beschlossen, u.a. ein Digitalinnovationsfonds , der seitdem digitale kreative Projekte in der Fläche fördert.

Die Pandemie als Unterbrecherin und Beschleunigerin
Die Pandemie wurde dann zu einer Unterbrecherin von gewohnten Routinen und zu einer Beschleunigerin, sich mit digitalen Möglichkeiten neu und stärker auseinanderzusetzen.

Um eine Ansteckung mit dem Corona-Virus zu vermeiden, war physische Distanz notwendig und das führte zu Unterbrechungen des Gewohnten: Gottesdienste in den Gemeinden vor Ort waren über längere Zeit nicht mehr möglich, ebensowenig Begegnungen vor Ort.

Im kirchlichen Raum führte dies zu mehr Offenheit gegenüber digitalen Möglichkeiten. Das Netz bot neue Begegnungsorte, Gelegenheit, um miteinander verbunden zu bleiben. Manche Kirchengemeinden haben regelmäßig ermutigende Impulse per Messenger geschickt oder abendliche Zusammentreffen per Videokonferenz angeboten. Darüber berichteten z.B. Teilnehmer*innen aus dem Kirchenkreis Trier bei einem Erfahrungsaustausch.

Vielerorts wurde während des Lockdowns zum ersten Mal auch online Gottesdienste oder Andachten gefeiert: Vorab als Video aufgenommen, live gestreamt oder als Videokonferenz. Die meisten dieser gut besuchten Online-Gottesdienste strahlten insbesondere in den Nahbereich aus: Die Gemeinde vor Ort feierte nun gemeinsam Gottesdienst im Netz und knüpfte dabei an vertraute Stimmen und Orte an. Gleichzeitig konnten „Netzbewohner“ auch Gottesdienste an ganz anderen Orten miterleben und mitfeiern.

Inwieweit dieser „Digitalisierungsschub“ nach der Pandemie beibehalten, ausgebaut oder rückgebaut wird, wird sich zeigen. Zunächst aus der Situation entstanden, könnten sich Formate mit einem Mix aus Gottesdienstbesuch vor Ort und online und reine Online-Angebote nach der Pandemie als Formen des (sonntäglichen) Gottesdienstes etablieren. Zumindest legen Ergebnisse erster Studien zum Gottesdienstbesuch in der Corona-Zeit nahe, dass es dazu Bereitschaft sowohl auf der Seite von Pfarrer*innen als auch von Gottesdienstbesucher*innen gibt.

Auch in den sozialen Medien sind in der Corona-Zeit weitere neue Formate entwickelt worden, die ebenfalls Vertrautheit und Nähe, jedoch losgelöst von örtlichen Strukturen, erfahrbar machen. Pfarrer*innen und Theolog*innen starteten z.B. eine Aktion unter dem Hashtag #ansprechbar, um Menschen in der schwierigen Zeit online zu begleiten. Interaktive Andachten wie die Andachten des Feministischen Andachtskollektiv oder #instapulse des Kölner Pfarrers Nico Buschmann geb. Ballmann haben rasch eine eigene Gemeinde, eine „Community“, gewonnen.

Was ist #digitaleKirche heute?
Unser Lebensumfeld prägt eine Kultur der Digitalität , die gleichzeitig unsere Handlungsweise und unsere Einstellungen, unser „Mindset“, verändert. Das Digitale ist nicht das Land jenseits des Bildschirms, sondern Virtuelles und Reales mischen sich in unserer Kommunikation und Wahrnehmung schon längst. Heute sind rund 94 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung zumindestens gelegentlich online (ARD/ZDF-Online-Studie 2021).

Das hat auch kirchliches Leben verändert, spätestens in der Zeit der Pandemie. Kirche hat im digitalen Raum neue Ausdrucksmöglichkeiten gefunden, die bestehende, analoge Formen ergänzen. Deshalb ist #digitaleKirche keine eigenständige Kirche, sondern lediglich eine Erscheinungsform von Kirche.

Mehr über #digitaleKirche heute

Links und Nachweise:

Artikel von Hannes Leitlein:
https://www.zeit.de/2017/13/digitalisierung-medien-martin-luther-kirchen-reformation-netz

Interview mit Ingo Dachwitz auf dem YouTube-Kanal der Akademie

Studien zur Situation der Kirchen in der Corona-Zeit:
CONTOC-Studie

(aus Sicht der Akteur*innen, also vornehmlich Pfarrer*innen)

Daniel Hörsch, Gottesdienstliches Leben während der Pandemie.
Verkündigungsformate und ausgewählte Handlungsfelder kirchlicher Praxis – Ergebnisse einer midi-Vergleichsstudie. 1. Auflage. Berlin 2021.
(aus Sicht der Akteur*innen)

Rezipientenstudie Gottesdienst in der Corona-Zeit

Blogbeitrag von Ralf Peter Reimann zur 2. Rezipientenstudie Gottesdienst in der Corona-Zeit

Interaktion unerwünscht? Online-Gottesdienste während der Corona-Pandemie

Kundgebung der EKD-Synode 2014:
Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft

Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (2014)

Bericht zum Prozess der Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft (2017)
Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (2017)

Digitalinnovationsfonds der Evangelischen Kirche in Deutschland

Felix Stalder, Kultur der Digitalität, Frankfurt a.M. 2017

Gerald Kretschmar: Digitale Kirche. Momentaufnahmen und Impulse, Leipzig 2019