Wir leben vernetzt – und das zunehmend
Zwei Stromzustände, An und Aus, 1 und O, das ist das Grundkonzept des Digitalen. Und dieses Grundkonzept hat in den letzten 50 Jahren die Lebenswelt in vielen Ländern der Erde tiefgreifend verändert. Durch die Digitalisierung wird die Welt zu einem globalen Dorf und die Digitalisierung nimmt Einfluss auf unterschiedlichste Bereiche unseres Lebens.
2019: Das Internet wird 50 Jahre alt
2019 feierte das Internet seinen 50. Geburtstag. Es ist ein Kunstwort und eine Kurzform für interconnected networks, verbundene Netzwerke. Dabei handelt es sich um digitale Netzwerke, in denen Entfernung keine Rolle spielt, die Verbindungen weltweit in Echtzeit möglich machen und die auf nur zwei Signalen beruhen: Strom an oder Strom aus.
… mit seiner Etablierung endet die Gutenberg-Galaxis
So simpel das auf den ersten Blick ist, so vielschichtig und tiefgreifend haben das Internet und seine verschiedenen Dienste wie E-Mail, Chat oder Webseiten, Einfluss auf unser Denken, Leben und Arbeiten genommen. Das von dem kanadischen Philosophen Marshal McLuhan prognostizierte „Ende der Gutenberg-Galaxis“ ist eingetreten. Das Internet hat das Buch als Leitmedium abgelöst und prägt heute unsere Lebenswelten.
… und es entsteht eine neue Kultur der Digitalität
Professor Dr. Felix Stalder , Soziologe und Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung an der Zürcher Hochschule der Künste benennt drei wesentliche Merkmale der neuen Kultur der Digitalität: Referentialität, Algorithmizität und Gemeinschaftlichkeit.
Über das Netz kann bezieht sich der Einzelne auf bereits bestehende Quellen und stellt selbst neue Bezüge her (Referentialität), Algorithmen ordnen die enormen Wissens- und Datenmengen im Netz (Algorithmizität) in durchaus ambivalenter Weise, denn häufig fehlt Transparenz, durch wen oder was diese Ordnungsstrukturen bestimmt werden. Darüber hinaus bringt das Netz neue Formen der Gemeinschaftlichkeit hervor, während es gleichzeitig überlieferte Bindungen wie z.B. zivilgesellschaftliche Organisationen in Frage stellt.[1]
Auswirkungen auf Ökonomie, Gesellschaft, Zusammenleben und Kommunikation
Die komplexen Verbindungsmöglichkeiten des Internets haben Ökonomie, Gesellschaft und Kommunikation verändert. Es entstehen neue Arbeitsformen, neue Geschäftsmodelle und neue Organisationsformen im Gemeinwesen, die unter Schlagworten wie Arbeit 4.0, Smart Cities oder Smart Home zusammengefasst werden.
Diese „digitalen Revolution“ fordert heraus, Bestehendes zu prüfen und vieles neu zu bestimmen: Welche Auswirkungen wird die Digitalisierung auf die Arbeitswelt und unsere Arbeitsplätze haben? Welche Aufgaben wird künstliche Intelligenz und Roboter zukünftig übernehmen? Wie werden erweiterte und virtuelle Realität unsere Wahrnehmung beeinflussen? Werden Mensch und Maschine immer mehr verschmelzen, zu Cyborgs werden? Wie werden die massenhaft anfallenden und auswertbaren Daten (Big Data) und die dafür entwickelten Auswertungsprotokolle (Algorithmen) unser gesellschaftliches Miteinander beeinflussen? Aber z.B. auch: Wie können ländliche Räume von der Digitalisierung profitieren? Welche Hilfen bieten Implantate oder Sprachassistenzsysteme Menschen mit Einschränkungen?
Die Frage nach einem guten und erfüllten Leben stellt sich neu
Das sind nur einige der offenen Fragen, zu denen es bereits sich durchaus widersprechende Prognosen, Denkmodelle und Diskussionen gibt. Doch eines ist deutlich: Eine breite gesellschaftliche Diskussion ist notwendig und bereits angestoßen. Dabei wird es darum gehen, alte Antworten zu prüfen und neue Antworten darauf zu finden, was den Menschen ausmacht und was ein gutes und erfülltes Leben ausmacht. In diese Debatten bringen sich die Kirchen als Teil der Zivilgesellschaft ein.
EKD-Denkschrift „Freiheit digital“ bietet dazu Impulse
Die Evangelische Kirche in Deutschland hat dazu z.B. 2021 die Denkschrift „Freiheit digital“ vorgelegt und das Anliegen dieser Denkschrift so gekennzeichnet: : „Die Denkschrift der EKD identifiziert den digitalen Wandel als zentrales Thema der Gegenwart. Sie möchte einen Beitrag zur öffentlichen Digitalisierungsdebatte leisten, um den digitalen Wandel in Freiheit und Verantwortung zu gestalten. Ansatzpunkte zur Orientierung gewinnt sie dabei aus den Zehn Geboten, die schon immer im Kontext der Freiheit verstanden wurden und dennoch darauf hinweisen, dass Gott die Menschen zur verantwortlichen Gestaltung der Welt aufruft.“ [2]
Das Kommunikationsverhalten hat sich bereits verändert
Unabhängig von diesen offenen Fragen hat sich etwas schon sozusagen beiläufig entschieden: Unser persönliches Kommunikationsverhalten und unser Alltag haben sich durch die Digitalisierung bereits stark verändert.
Das World Wide Web vereinfachte den Austausch im Netz
Eine erste wichtige Zäsur war dabei das Jahr 1990: Der britische Physiker Tim Berners stellte das World Wide Web als neuen Dienst im Internet bereit. Die einheitliche „Internetsprache“, das einheitliche Protokoll des WWW, machen seitdem Austausch und Kommunikation im Internet bedeutend einfacher. 1992 gab es zehn Website, heute sind es fast 1,9 Milliarden Websites weltweit – eine immense Zahl, auch wenn längst nicht alle Websites aktiv gepflegt werden.
… und die sozialen Netzwerke machten das Netz zu einem Ort des Dialogs
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erweiterte das Internet Handlungsräume und Einfluss der Nutzer*innen durch die sozialen Netzwerke. Nutzer*innen können auf Plattformen wie Facebook oder Instagram nicht nur Inhalte konsumieren, sondern mit wenig Aufwand selbst auch Inhalte produzieren und online stellen. Sie wurden zu Prosumenten im neuen, dialogischen Web 2.0
Deutschland – ein Land der Onliner
94 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung sind heute zumindest gelegentlich online und im Netz unterwegs: In der Gruppe der bis 50jährigen haben alle einen Online-Zugang, inzwischen sind auch 77 Prozent der über 70jährigen im Netz aktiv. Ein hoher Prozentwert angesichts von Vergleichszahlen aus Europa und weltweit: In Europa beträgt der Anteil der Nutzer*innen durchschnittlich 88 Prozent. Weltweit liegt der Durchschnitt bei 65,6 Prozent. In Europa beträgt der Anteil der Nutzer*innen durchschnittlich 88 Prozent. [3]
Die deutschsprachigen Onliner lesen und recherchieren, verschicken Mails oder Messengernachrichten, kaufen ein, nutzen Suchmaschinen oder Routenplaner, sind Mitglied in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, TikTok oder YouTube.
Die Zeit, die die und der Einzelne im Netz verbringt, variiert nach Altersgruppen. Junge Menschen sind häufig deutlich länger als ältere Menschen im Netz unterwegs. Fast alle 14- bis 29-Jährigen nutzen das Internet täglich, bei den über den über 70-Jährigen sind es 42 Prozent.
In der Pandemie ist die Mediennutzung noch einmal gestiegen, Videoangebote, aber auch Messenger-Dienste sind für viele wichtiger geworden.
Diese Zahlen aus der aktuellen ARD/ZDf-Online Studie zur Mediennutzung in Deutschland belegen zum wiederholten Mal, dass das Netz zu einer Form der sozialen Teilhabe geworden ist und Teil unserer Alltagswelt ist, in der sich digitale und analoge Kommunikation mischen.
„Digitale Lebenswelten“ als Teil des Themenbereichs „Medien“ an der Akademie
Diese seit Jahren zu beobachtende Entwicklung hat den Anstoß gegeben, den Bereich der digitalen Lebenswelten in das Themenspektrums des Arbeitsbereichs Medien an der Evangelischen Akademie im Rheinland einzubeziehen.
Wissen, Praxis und Reflexion
Hier werden Wissen und Praxis aus diesen Lebenswelten vorgestellt, um Eindrücke zu gewinnen und mit Nutzer*innen ins Gespräch zu kommen.
Diese Bestandsaufnahme ist gleichzeitig mit Fragen aus christlicher und ethischer Perspektive verbunden:
Welche Menschenbilder vermitteln die digitalen Lebenswelten? In welchem Verhältnis stehen die dort vertretenen Normen zu Bildern christlicher Freiheit, zu christlichen Konzepten des Menschen und zum Umgang miteinander? Wie kann der einzelnen in diesen Lebenswelten seine Selbstbestimmung, seine digitale Souveränität bewahren oder herstellen?
Kirche – Lebensbegleiterin auch im digitalen Raum
Kirche möchte Lebensbegleiterin zu sein. Das gilt auch für digitale Lebenswelten. Eine zentrale Frage ist hier: Wie können kirchliche Akteur*innen die Selbstbestimmung des Einzelnen und von Gruppen fördern und Teilhalbe unterstützen?
[1] Vgl: Felix Stalder: Kultur der Digitalität. Berlin, 2. Ausgabe 2017. Eine erste Übersicht zu seinen Ausführungen über Referentialität, Algorithmizität und Gemeinschaftlichkeit bietet z.B. dieser Artikel
[2] Weiterführende Hinweise:
Anlässlich des Erscheinens der Denkschrift hat die Evangelische Akademie im Rheinland in einem breiten Bündnis aus Kirche, Diakonie und Wirtschaft dazu eingeladen, die aktuelle Denkschrift kennen zu lernen, über ihre Impulse ins Gespräch zu kommen und zu überlegen, wie und wo diese Impulse gesellschaftlich relevant werden können. Die Gesprächsreihe dazu ist auf unserem YouTube-Kanal eair-diskurse veröffentlicht. Zur Gesprächsreihe
Fragen zur Digitalisierung der Arbeitswelt behandelt an der Evangelischen Akademie im Rheinland insbesondere der Arbeitsbereich „Transformation von Arbeit und Wirtschaft“.
[3] Alle Zahlen ohne Angaben zur Nutzungsfrequenz. Zur Übersicht

